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Ein Blick hinter die Kulissen – oder ist doch alles nur Theater?

Mit „Nichts als Kuddelmuddel“ lädt die Schmalzhafenbühne ein zu einem humorvollen Perspektivwechsel
zwischen Probenalltag und Premiere.
von Annette Weidner


36 Grad zeigte das Thermometer am Premierenabend. Während draußen die Sommerhitze über dem historischen
Rathausplatz flimmerte, ging es auf der Bühne der Gronauer Kelter mindestens genauso heiß her. Das
Boulevardstück „Nichts als Kuddelmuddel“ von Jürgen Hörner ist Theater im Theater – raffiniert konstruiert und
herrlich komisch. Das Publikum erlebt die Generalprobe eines Theaterstücks rund um Wahrsagerin Madame
Kassandra, bei der scheinbar alles schiefläuft: Textaussetzer, Lampenfieber, technische Pannen, vergessene
Requisiten und Eifersüchteleien. Über der liebevoll in Lilatönen gestalteten Bühne hängt ein kleines Schild mit der
Aufschrift „We believe in magic“. Anfangs wirkt es wie Dekoration, nach zwei Akten Generalprobenchaos eher wie
ein Stoßgebet. Für eine gelungene Premiere im dritten Akt, scheint ein kleines Wunder die letzte Hoffnung zu sein.
Mit „Nichts als Kuddelmuddel“ hat sich Regisseur Andreas Büche eine besondere künstlerische Herausforderung
vorgenommen. Das raffinierte Spiel auf zwei Ebenen fordert vom Ensemble höchste Präzision: Die Schauspieler
wechseln ständig zwischen ihrer Rolle im Theaterstück und dem Schauspieler, der sie spielt – und dabei tragen sie
auch noch ihre eigenen Namen. Andreas Büche nutzt diesen doppelten Boden mit feinem Gespür für Timing und
Situationskomik. Und so entsteht ein Spiel, das weitaus mehr ist als eine Aneinanderreihung gelungener Pointen:
ein kluges und urkomisches Verwirrspiel, das das Publikum zum Lachen, Mitfiebern und Miträtseln einlädt. Was
ist hier gespielt? Was ist echt? Und wer spielt hier eigentlich wen? Die Spielidee stellt auch die Darsteller vor eine
besondere Herausforderung. Sie schlüpfen nicht nur in ihre Rollen in der Komödie, sondern gleichzeitig in die
Rollen der Schauspieler einer Theatergruppe, die eben diese Figuren möglichst schlecht spielen sollen. Innerhalb
von Sekunden wechseln Sprache, Körperhaltung, Tempo und Emotionen. Ein Kunststück, das ihnen mit
beeindruckender Leichtigkeit gelingt.
Und weil in diesem Stück fast alles anders ist als sonst, gehört der erste Auftritt jenen guten Geistern, die im
Theater normalerweise unsichtbar bleiben: den Technikern. Jörg Kohler und Cedric Joza bilden als Technik-Kappo
und Technik-Stift ein herrlich komisches Gespann. Mit präzisem Slapstick sorgen sie für die ersten Lacher des
Abends und setzen gleichzeitig dem ganzen Technikteam, ohne die sich kein Vorhang je heben würde, ein
sympathisches Denkmal. Auch die Souffleuse tritt aus dem Schatten ins Rampenlicht. Jeanine Kircher ist als
ruhender Pol „unter dem Tisch“ die Seele des Stücks. Während ringsum das Chaos tobt, strickt sie, vespert
genüsslich oder verspeist in aller Seelenruhe ein Ei – und behält dabei jederzeit den Überblick. Sie glänzt mit
sympathischer Nonchalance und verleiht ihrer Rolle eine ganz eigene Persönlichkeit. Und ganz nebenbei würdigt
sie mit ihrem Auftritt jene, die sonst im Verborgenen wirken: die Souffleusen Conny Baumgart und Irmgard
Nahnsen.
Die drei Damen Andrea Spieth (Madame Kassandra), Gaby Reinhold (Frau Härle, die Putzhilfe) und Heike
Hillebrandt (Frau Fink, die Kundin) harmonieren hervorragend miteinander. Mal überkandidelt im gestelzten
Honoratiorenschwäbisch ihrer Bühnenfiguren, mal als eifersüchtige Schauspielerinnen im Probenchaos, wechseln
sie mit großer Selbstverständlichkeit zwischen den Ebenen. Sie schaffen es brillant, absichtlich „schlecht“ zu
spielen – und gerade dadurch ausgezeichnetes Theater zu zeigen.
Udo Klaudt gelingt es mit weinerlichem Jammerblick, feiner Mimik und herrlich hilfloser Körpersprache den
Telekom-Mitarbeiter Herrn Fink ebenso glaubwürdig darzustellen wie den nervösen Laienschauspieler. Dank
seines Gespürs für Situationskomik und seinem perfekten komödiantischen Timing entstehen viele Lacher fast wie
nebenbei. Uli Friz übernimmt die wohl anspruchsvollste Doppelrolle des Abends. Als Regisseur kämpft er nicht nur
mit dem Chaos, sondern sieht sich auch nur zu gern den unverhohlenen Avancen seiner weiblichen Darstellerinnen
ausgesetzt. Seine Auftritte im Fenster als gutmütig-tumber Fensterputzer zählen zu den Höhepunkten des Abends.
Mit Leichtigkeit wechselt er zwischen den Rollen und hält das Kuddelmuddel solange irgendwie zusammen, bis
am Ende sogar das Bühnenbild den Ereignissen nicht mehr standhält. Zum Glück gibt es bei der
Schmalzhafenbühne zahlreiche ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die nicht nur die Kulisse bis zur nächsten
Vorstellung wieder aufbauen, sondern Jahr für Jahr auch dieses kulturelle Gronauer Großereignis möglich machen.
Wer dieses außergewöhnliche Spiel auf zwei Ebenen erleben möchte, hat dazu bis 11. Juli 2026 noch mehrfach
Gelegenheit. Und vielleicht haben Sie am Ende eine Antwort auf die Frage, die über dem ganzen Abend schwebt:
War das ein echter Blick hinter die Kulissen – oder am Ende doch alles nur Theater?

Weitere Informationen

Veröffentlichung

Mo, 06. Juli 2026

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Weitere Meldungen

Kartenvorverkauf am 13. Juni 2026

Ab 10:00 Uhr wird die Kartenhotline freigeschalten: 0151 24136124

Restkarten für Samstag 26. Juni 2026 vorhanden

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